Führungsmodelle anzuwenden gelingt nicht dadurch, möglichst viele zu kennen, sondern wenige davon wirklich zu nutzen. Wer aus einer Fortbildung oder einem Buch mit zwei Dutzend Modellen herauskommt und alle gleichzeitig einsetzen will, wendet am Ende keines an. Der verlässliche Weg ist umgekehrt: drei bis fünf Modelle auswählen, die zur eigenen Situation und zum eigenen Führungsstil passen, sie über einige Wochen bewusst einüben – und erst dann erweitern. Nicht die Breite entscheidet, sondern die Tiefe bei wenigen, die wirklich zu einem passen.
Warum scheitert der Vorsatz, Führungsmodelle anzuwenden?
Der häufigste Grund ist nicht Faulheit, sondern Überangebot. Zu fast jeder Führungsfrage gibt es ein Modell, ein Workshop endet mit einem Ordner voller Modelle, ein Fachbuch reiht ein Dutzend aneinander. Der Vorsatz „das setze ich jetzt um" verteilt sich dann auf zu viele Ziele gleichzeitig – und zerfällt. Aufmerksamkeit lässt sich nicht auf zwanzig neue Werkzeuge auf einmal richten.
Dahinter steckt ein Missverständnis darüber, wofür Modelle da sind. Sie sind ein Werkzeugkasten, in den man je nach Situation greift – kein Lehrplan, der von vorne bis hinten durchzuarbeiten wäre. Niemand liest ein Wörterbuch am Stück; man schlägt nach, wenn ein Wort fehlt. Wer die Fülle an Modellen als Pensum missversteht, hat verloren, bevor er anfängt.
Entscheidend ist nicht, wie viele Modelle jemand kennt, sondern wie viele im entscheidenden Moment – mitten im Gespräch, mitten im Konflikt – tatsächlich griffbereit sind, ohne nachzuschlagen.
Wie viele Führungsmodelle sollte man gleichzeitig üben?
Drei bis fünf. Der Grund liegt darin, wie ein Modell überhaupt hilft: nur dann, wenn es im Augenblick verfügbar ist, in dem es gebraucht wird. Diese Verfügbarkeit entsteht durch Wiederholung, und Wiederholung braucht Wochen, nicht Minuten. Wer zehn Modelle parallel jongliert, gibt keinem genug Wiederholungen – alle bleiben Theorie.
Als Faustregel hilft: ein Modell pro wiederkehrender Situation, nicht zehn Modelle pro Woche. Ein Modell wird so lange geübt, bis seine Leitfragen ohne Spickzettel kommen – dann kommt das nächste dazu. Drei gut beherrschte Werkzeuge schlagen zwanzig, die man einmal gehört hat.
Wie findet man die Modelle, die zu einem passen?
Die Auswahl beginnt nicht bei der Modell-Liste, sondern bei zwei Fragen: Welche Situation drückt gerade? Und was passt zu mir?
Erstens die Situation. Die bessere Frage als „Welches Modell ist das wichtigste?" lautet: „Welche Situation kostet mich gerade wiederholt Zeit oder Nerven?" Diese eine Situation zeigt die Richtung. Die meisten Führungsprobleme lassen sich grob wenigen Feldern zuordnen:
- Gespräche versanden ohne Ergebnis → ein Gesprächsmodell, etwa das GROW-Modell.
- Alle werden gleich behandelt, obwohl sie unterschiedlich ticken → ein Modell für situatives Führen, etwa die Skill-Will-Matrix.
- Zu viel bleibt auf dem eigenen Tisch → ein Modell fürs Delegieren, etwa die Delegationsstufen.
- Immer wieder dieselben Konflikte → ein Modell, das Konfliktmuster sichtbar macht.
Wer seine drängendste Situation ehrlich benennt, hat den ersten Kandidaten fast automatisch.
Zweitens die eigene Person. Ein Modell wirkt nur, wenn man es tatsächlich benutzt – und benutzt wird, was zur eigenen Art zu führen passt. Wer strukturiert denkt, kommt mit einem klaren Vier-Schritte-Leitfaden gut zurecht; wer eher intuitiv führt, wählt vielleicht ein Modell, das mehr Spielraum lässt. Sinnvoll ist eine Mischung: ein, zwei Modelle, die zu den eigenen Stärken passen (die sitzen schnell), und höchstens eines, das eine bekannte Schwäche adressiert (das kostet mehr, entwickelt aber am meisten). Ein Modell, das den eigenen Werten widerspricht, wird nach zwei Versuchen liegen bleiben – so bekannt es auch sein mag.
Wie unterschiedlich das ausfällt, zeigen zwei Fälle: Eine frisch beförderte Teamleiterin, die von der Fachaufgabe kommt und am liebsten alles selbst macht, stellt sich ein Set rund ums Loslassen zusammen – ein Modell fürs Delegieren, eines fürs situative Führen, einen klaren Gesprächsleitfaden. Ein erfahrener Bereichsleiter mit einem zerstrittenen Team wählt etwas ganz anderes – ein Modell, das Konfliktmuster sichtbar macht, eines fürs aktive Zuhören, eines für schwierige Gespräche. Dieselbe Methode, zwei völlig verschiedene Auswahlen, weil Situation und Person verschieden sind.
Aus diesen beiden Fragen ergeben sich die drei bis fünf Modelle fast von selbst. Sie sind für jede Führungskraft andere – und genau das ist richtig so.
Wie sieht angewandte Führung dann konkret aus?
Angewandt heißt: in einer konkreten Situation nach dem passenden Werkzeug greifen, nicht eine Theorie referieren. Wer etwa eine Aufgabe abgeben will, nutzt mehrere seiner Modelle nacheinander – erst die Person einschätzen (wie viel kann und will sie schon?), dann entscheiden, wie viel Verantwortung übergeben wird, und schließlich das Gespräch dazu strukturiert führen. Ein paar kleine Handgriffe, jeder mit genau einer Aufgabe. So fühlt sich Anwendung an: unspektakulär, von der Situation getrieben, im Hintergrund. Das Gegenüber bemerkt ein gutes Gespräch – keine Technik.
Wie übt man ein Führungsmodell, bis es sitzt?
Ein Modell wird nicht durch Lesen zur Gewohnheit, sondern durch einen kleinen, wiederholten Kreislauf:
- Eine Situation für die Woche wählen – das nächste 1:1, die anstehende Übergabe, das Feedback am Freitag.
- Vorher die Leitfragen durchgehen – einmal auf das konkrete Gespräch angewandt; ein Spickzettel neben der Tastatur genügt.
- Dabei griffbereit halten – die Schritte im Blick zu haben ist kein Makel, sondern normal.
- Hinterher zwei Minuten reflektieren – wo hat es geholfen, wo wirkte es hölzern?
- Einige Wochen wiederholen – dasselbe Modell, derselbe Situationstyp.
Am Anfang fühlt sich das mechanisch an: Fragen von einer Karte ablesen. Nach ein paar Wochen kommen sie von selbst – und genau das ist der Punkt, an dem ein Modell „angewendet" ist. Es ist vom Werkzeug zur Haltung geworden, Teil der eigenen Art zu führen. Dann kommt das nächste dazu.
Und wenn ein Modell nach ehrlichem Üben einfach nicht trägt? Dann wird es getauscht, nicht durchgezwungen – die Auswahl ist kein Vertrag. Wer nach ein paar Wochen merkt, dass ein anderes Modell besser zur eigenen Situation passt, ersetzt es und übt weiter.
Welche Fehler sollte man beim Anwenden vermeiden?
Alles auf einmal. Begeistert von der Vielfalt werden zehn Modelle parallel probiert – und keines lange genug, um zu wirken. Zwanzig Modelle gelesen zu haben ist nicht dasselbe wie eines zu beherrschen.
Ein Modell wählen, das nicht zur eigenen Person passt. Nur weil ein Modell bekannt oder beliebt ist, muss es nicht zur eigenen Art zu führen passen. Was sich falsch anfühlt, wird nicht angewendet. Besser ein schlichtes Modell, das man wirklich nutzt, als ein renommiertes, das im Ordner bleibt.
Das Modell als Korsett. Ein Modell ist eine Landkarte, keine Schiene. Passt die Situation nicht zum Modell, gewinnt die Situation. Die Leitfragen sind Denkanstöße, kein Skript zum Vorlesen.
Mechanisch anwenden. Einen Gesprächsleitfaden wie ein Verhör durchzuziehen oder anzukündigen „ich wende jetzt Modell X auf Sie an" zerstört die Wirkung. Das Modell arbeitet im Hintergrund; das Gegenüber soll ein gutes Gespräch bemerken.
Sammeln statt anwenden. Das nächste Modell zu lernen fühlt sich nach Fortschritt an und kostet nichts – ein Modell wirklich zu üben ist unbequemer. Wer „gekannt" mit „genutzt" verwechselt, bleibt in der Anwendung stehen.
Fazit: Fokus schlägt Vollständigkeit
„Führungsmodelle anwenden" ist kein Wissens-, sondern ein Fokusproblem. Drei bis fünf Modelle auswählen, die zur eigenen Situation und zur eigenen Person passen, sie griffbereit halten und so lange üben, bis die Leitfragen von selbst kommen – dann erweitern. Welche drei bis fünf es sind, ist für jede Führungskraft anders; wichtig ist nur, dass sie zur eigenen Lage passen und wirklich benutzt werden. Führung wächst an wenigen, beherrschten Werkzeugen – nicht an der Länge der Liste.
Gleich mit drei Modellen ausprobieren?
Ein möglicher Startpunkt: GROW für die Gesprächsführung, die Skill-Will-Matrix fürs Einschätzen, die Delegationsstufen fürs Übergeben – drei Modelle aus dem ManagementFolio-Paket (80 OnePager, 59 €), die es als kostenlose Leseprobe zum Ausdrucken gibt. Ein Vorschlag zum Testen der Herangehensweise, kein Muss – wichtiger bleibt, dass die eigene Auswahl zur eigenen Situation passt.
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